SCHWULE ARBEIT
Portraits homosexueller Männer an ihrem Arbeitsplatz

Einleitung

Erblicke ich Fotografien homosexueller Männer, werden zwei Tendenzen offensichtlich. Ich sehe auf Aktaufnahmen, die muskulöse Körper auf dem Zenit ihrer erotischen Ausstrahlung darstellen und den Mann auf seinen Körper reduzieren. Im Rahmen eines Kunstbuches oder eines Fagzines mag die künstlerische Auseinandersetzung mit dem nackten Mann hin und wieder gelingen. Handelt es sich um Pornografie, wird es schnell derb und vulgär. Die Masse von Büchern, in denen solches stattfindet, erklärt sich natürlich aus unserem Bedürfnis nach nackter Haut. Das wollen wir sehen. So erträumen wir uns selbst. Oder wir geilen uns daran auf. Die Nachfrage bestimmt das Angebot.

Warum wird jedoch in den Medien immer wieder das stereotype Bild des amüsierwütigen schwulen Mannes entworfen, der seinen Hedonismus und seine Unabhängigkeit auf schwulen Paraden zur Schau trägt? Oder das des schwulen Politikers oder Karriereristen, an denen gar nichts Schwules mehr dechiffrierbar ist. Ich will gleich vorwegnehmen, dass auch ich nicht auf Anhieb schwule Codes benennen könnte.

Nur, wo stoße ich auf Aufnahmen, die mir Aufschluss über ein schwules Selbstverständnis unserer Zeit geben? Im Privaten will ich nicht suchen. Das soll privat bleiben. Beziehungsweise es gibt sie bereits; diese Serien von Schwulen, in ihren geschmackvoll eingerichteten Wohnungen oder diese der bunten Patchworkfamilien. Ich möchte meinen, der Arbeitsplatz böte eine gute Bühne. Hier verwirklichen sich, funktionieren oder fristen ihr Dasein schließlich alle Menschen die längste Zeit ihres Lebens.

Wie sieht der schwule Mann auf Arbeit aus? Gibt es ein schwules Selbstverständnis bei der Arbeit? Wo arbeiten Schwule und gibt es so etwas wie schwule Traumberufe? Definieren sich Schwule über ihre Arbeit? Hat die Sexualität eine Relevanz für die Arbeit oder wo könnte schwule Arbeit relevant sein? Und letztlich, wie sieht ein schwuler Arbeitsplatz aus?

Ich stelle bei meinen Recherchen fest, scheinbar niemand hat sich bisher mit dem schwulen Mann am Arbeitsplatz in einer Fotoserie auseinandergesetzt. Ist das möglicherweise überflüssig? Ich liebe zwar auch einen Mann, aber wirkt sich das auf meine Arbeit aus? Fotografiere ich gern, weil ich schwul bin und verhalte mich aus diesem Grund spezifisch bei der Arbeit?

Ich stoße auf eine Flut von Vorurteilen. Eine Kommilitonin lacht, als ich ihr den Titel meiner Arbeit nenne und entschuldigt es mit dem Umgangston während ihrer Schulzeit, die nicht lange zurückliegt. Auf dem Schulhof gilt das Adjektiv „schwul“ immer noch als Ausdruck für Schwäche. Natürlich teilt sie diese Vorurteile nicht, aber es ist eben auch ihre erste Assoziation. Ihre Erwartungshaltung bei „Schwuler Arbeit“ läuft auf etwas Kitschiges oder Glamouröses hinaus, wohl im Stil von Pierre & Gilles, und deckt sich mit der von vielen spontan Befragten. Entweder man vermutet hinter meinem Titel die rotzige Geringschätzung von Arbeit oder paillettenbesetzte Travestie. Lediglich zwei Freunde bleiben ungerührt und sind gespannt auf Bilder von schwulen Männern, die sie an ihrem Arbeitsplatz zeigen.

Eine wohlige Blase scheinbar grenzenloser Toleranz umgibt Berlin und wie schon vor Jahrhunderten der große Preußenkönig meinte, mag hier vielleicht ein jeder nach seiner Fasson leben dürfen. Was für Reaktionen lösen meine Portraits aber wenige Kilometer entfernt in der Provinz aus? Ganz zu schweigen von Ländern, in denen man Schwule noch öffentlich hängt? Und je öfter mir von Freunden oder selbst von meinen schwulen Protagonisten gepflegte Unaufgeregtheit, ja manchmal fast an Empörung grenzendes Unverständnis ob der Notwendigkeit meines Themas entgegenschlägt, desto dringlicher entsteht in mir der Wunsch, der Betrachter möge seine Meinung hinterfragen und scheinbar Manifestiertes korrigieren. Und selbst, wenn man sich in allen Erwartungen bestätigt sieht; nur das, was wir immer wieder reflektieren, hat auch Bestand. Nur die Werte, die wir tagtäglich verteidigen, sind die Grundlage unserer toleranten Zivilisation.

Uns hilft die Kategorisierung und damit die Vereinfachung, einen chaotischen Zustand erfassbar zu machen. So stelle ich mir eine Typisierung des schwulen Mannes spannend, vielleicht auch amüsant vor. Ich erhoffe mir einen aufschlussreichen Zugang zu verschiedensten Berufsgruppen. Wozu ich die nach meinem Verständnis klischeebelasteten prüfen will, als auch nach solchen suchen, unter denen man auf Anhieb keine schwulen Männer erwartet.

Was ich an der Fotografie während meines Studiums schätzen lernte, ist, neben dem Ausdruck meines kreativen Antriebs, die Möglichkeit, Design einen mir moralisch und ethisch wichtigen Auftrag zu verleihen. Auf Situationen aufmerksam machen, Umstände erklären, Menschen aufklären. Aber so sehr mein Anspruch darauf abzielt, einen Mikrokosmos zu dokumentieren und Zusammenhänge zu erklären, so sehr erzählt das Thema doch Persönliches. Es ist die Auseinandersetzung mit mir. Was ist der Sinn der Arbeit, also die Relation von befriedigender Tätigkeit und notwendigem Broterwerb? Und was macht meine Sexualität mit mir, die nicht mein Denken dominiert und doch mein Handeln kontrolliert.

Ich schaue mir vierzig Männer an ihrem Arbeitsplatz an. Bitte sie, kurz ihre Tätigkeit für mich zu unterbrechen und mir eine Pose anzubieten, die etwas über sie aussagt. Arrangiere und fotografiere sie. Beinahe könnte man von einem städtespezifischen Soziogramm sprechen, würde man unter den Männern aus dem Großraum Berlin nicht auch einige Schweizer finden. Der Liebe wegen verschlägt es mich immer wieder in dieses Land und ich konnte die Arbeit ja nicht zwischenzeitig ruhen lassen. Meiner These schadet das nicht. Ich gehe davon aus, dass der schwule Mann in beiden Ländern ähnliche Vorraussetzungen am Arbeitsplatz vorfindet.

„Schwule Arbeit“ ist in erster Linie eine fotografische Auseinandersetzung mit der Thematik. Trotzdem möchte ich meine Protagonisten nicht dem vorschnellen Urteil der Betrachter aussetzen, das sich aus einer einzigen Fotografie ergibt. Die Männer sollen zu Wort kommen, zumindest einige. Damit sie aus der Verallgemeinerung herausfinden, in die ich sie als Vertreter einer Berufsgruppe gestellt habe. Alle sind Individuen, die es verdienen, vielfältiger wahrgenommen zu werden, als es die Pose auf dem Bild ermöglicht. Ich führe Interviews, um mehr von der Person hinter dem Foto, dem Verhältnis zur eigenen Sexualität und dem möglichen Zusammenhang eben jener und der Arbeit zu erfahren.

Mir ist bewusst, dass der Diskurs mit meinen Protagonisten zu einem subjektiven Ergebnis führt und die Fotoserie keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben kann. Der Zufall ergab die vorliegende Auswahl. Auf meiner Reise zu Männern an unterschiedlichsten Arbeitsplätzen, begleitet von unzähligen Stunden spannender Gespräche, ergibt sich ein Bild, das etwas über Schwule und ihre Arbeit erzählt. Zusammen mit meinen Tagebuchaufzeichnungen, die währenddessen entstanden und die Treffen aus meiner Sicht reflektieren, erhoffe ich mir Antworten zum schwulen Selbstverständnis am Arbeitsplatz.

Schlusswort und ein Wunsch

Jungs, ich bin euch so dankbar! Eigentlich ist es unfassbar, welches Vertrauen ihr mir entgegen gebracht habt. Jeder von euch, den ich bat, bei meinem Projekt mitzumachen hat eingewilligt. Die meisten von euch kannten mich vorher nicht und ihr ließt euch bereitwillig auf mich ein. Ihr habt mir Einblick gewährt in eure existenzielle Grundlage, eure Arbeit. Viele von euch ließen mich sogar in ihr Allerheiligstes, ihre Wohnung, wo sich euer Arbeitsplatz befindet. Die Hälfte stand mir zudem Rede und Antwort in Interviews, in denen es schnell persönlicher wurde, als das Thema es vermuten lässt. Das war gewollt von mir und ihr habt mitgemacht. Es zeigt mir, ihr habt verstanden, worum es mir ging.

Vielleicht ist das Ende der vorliegenden Arbeit zugleich ein Anfang. Ich möchte dieses Projekt fortsetzen. Ich bin neugierig auf Menschen. Wie sehen sich andere schwule Männer? Was ist ihnen wichtig im Leben, am Arbeitsplatz, im Alltag? Und wie denken sie vielleicht in ein, zwei, zehn oder zwanzig Jahren darüber?

Was bedeutet „Schwule Arbeit“ letztlich? Es hat nichts mit unserer Sexualität zu tun. Unsere Herkunft, unser Charakter und das soziale Umfeld bestimmen, wie emphatisch, clever, anpassungsfähig oder zielstrebig wir sind. Auch das unterscheidet uns nicht von Männern, die Frauen begehren, oder andersrum, oder von Frauen, die mit Frauen schlafen, oder wie auch immer.

„Schwule Arbeit“ bedeutet, sich frei entfalten zu können, wie Tim und die Stimme zu erheben, wie Christoph. Es bedeutet dank Marcel, jemand im schwächsten Moment eine Stütze zu sein. „Schwul“ ist, wie Pieter es beschreibt, die Chance sich zu finden oder wie Sven, neugierig zu bleiben. „Schwule Arbeit“ ist, wenn Stephan dank Werbung Anerkennung erfährt. Wenn Fredy das Bild der heiligen Familie infrage stellt, und damit vielleicht alle glücklicher sind. „Schwul“ heißt, wie Kosta dort Vorbild zu sein, wo man Schwule auf Anhieb nicht vermutet oder wie Danny die Leinwand behandelt. Oder einfach mal auf „schwul“ zu pfeifen, wie Torsten es tut. „Schwul“ ist Tobys Aufforderung, falsche Scham abzulegen und Nicos Weg, zu sich selbst zu finden. „Schwul“ ist Lanhs Fürsorge um seine Mitarbeiter, wie Pierres Gabe, Menschen zu bilden. „Schwul“ gibt‘s bei Candy für einen Euro. Und noch nicht einmal Juri könnte sagen, ob das die Wahrheit ist. Insofern hoffe ich, mit meinen Fotografien die Selbstverständlichkeit zu zeigen, die Claus in den Medien so vermisst.

Ich wünsche mir eine Zeit, in der man „schwul“ nicht über den Schulhof brüllt, um jemanden zu verletzen, sondern um seine Hochachtung auszudrücken.

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